Dienstag, 4. Februar 2014

Childline 1098 - ausschließlich für das Wohl des Kindes?

Der Childline Jeep steht bereit!
Seit einem Jahr ist Prachodana für die Childline im Distrikt Hassan zuständig. Die Childline ist ein 24 Stunden Service für Kinder aus problematischen Situationen, die dringend Hilfe benötigen. Konkret heißt dies, dass jeder Anruf aus dem Hassan Distrikt auf 1098 in unserem Büro angenommen wird. Je nach Notwendigkeit, wird daraufhin sofort der Jeep losgeschickt. So rettet Prachodana Kinderarbeiter, Schulabbrecher, Müll sammelnde und bettelnde Kinder, Kinder, denen ein sexueller Missbrauch droht, aber auch besondere Fälle wie die Verheiratung von Minderjährigen ist ein Fall für die Childline. Nachdem die Kinder aus der problematischen Situation gerettet worden sind, werden sie dem Children Welfare Committee (CWC) vorgeführt. Das CWC ist ein Beratungsgremium, das in Absprache mit den Eltern über die Zukunft des Kindes entscheidet.


Im Allgemeinen sind wir als Ausländer bei einem Childline Einsatz nicht gerne gesehen. Unser Direktor erklärte uns, dass die Bevölkerung misstrauisch gegenüber Ausländern im Bezug auf Kinder ist. Trotzdem geraten wir in einen solchen Einsatz, da wir mit dem Jeep unterwegs sind, als ein Anruf kommt.
Wir fahren mit dem Jeep raus aufs Land. An einer Bushaltestelle erkundigt sich unser Fahrer bei einem ärmlich gekleideten, mutmaßlichen Tagelöhner nach einem 13-jährigen Mädchen. Wenig später erreichen wir einen verlassenen Marktplatz. Unter der Marktüberdachung liegen ein paar Säcke auf einem Haufen, daneben ein Kochtopf und einige Nachtlager können wir erkennen. Ganz am Ende ist das Lager einer Familie. Unsere Mitarbeiter steigen aus und gehen in Richtung dieser Familie. Wir verfolgen das Geschehen aus einiger Distanz im Jeep. Zunächst entbrennt eine gewaltige Diskussion. Einer unserer Mitarbeiter macht Fotos. Auf einmal hören wir das Heulen eines Kindes. Sie soll zu uns in den Jeep. Mit einigen tröstenden Worten lässt sie sich beruhigen und steigt in den Jeep. Als alle wieder im Auto sitzen, erklärt uns unser Direktor, dass Shruti* aus dem staatlichen Mädchenheim weggelaufen ist und jetzt auf der Straße lebt.
Ein solchen Plätzten leben häufig Menschen.
Wir fahren weiter. Am Straßenrand  sehen wir Arbeiter, die die Straße befestigen. Hundert Meter weiter sitzt ein kleines Kind mit seiner Mutter auf der Baustelle. Wir halten an. Unsere Mitarbeiter steigen aus und beginnen auf die Mutter einzureden. Plötzlich beginnt die Mutter zu schreien, nimmt ihr Kind an die Hand und läuft weg. Alles springt in den Jeep und fährt hinterher. Beim zweiten Aussteigen stolpern Mutter und Kind, können aber schnell wieder aufspringen und laufen erneut weg. Schließlich erreichen die Zwei die vermeintliche Rettung: die anderen Arbeiter im Straßengraben. Es wird lautstark diskutiert. Jedes Mal wenn unsere Mitarbeiter versuchen das Kind aus dem Straßengraben in Richtung Jeep zu ziehen, wehren sich Mutter und Kind verzweifelt.
Unsere Mitarbeiter diskutieren mit den Arbeitern.

 Während draußen Mitarbeiter und Arbeiter eine erbitterte Diskussion führen, sitzen wir mit Shruti* alleine im Jeep. Wir sind überfordert. Können wir mit ihr reden? Hat sie Angst vor uns? Beunruhigt sie das vielleicht noch mehr? Sie nimmt uns die Entscheidung aus der Hand, indem sie uns auf Kannada anspricht. Mit unseren paar Brocken Kannada können wir immerhin ihren Namen und ihr Alter herausfinden. Wir sind über dieses Selbstbewusstsein erstaunt. Wir hatten ein verängstigtes, verzweifeltes und daher ein zurückhaltendes Kind erwartet. Aber sie spricht mit uns mit fester Stimme, einzig unser Kannada limitiert das Gespräch.
Draußen wird erneut versucht das Kind aus dem Straßengraben zu ziehen. Dann verteilt man blaue Childline Flyer. Mit drohenden Worten von unserem Direktor steigt alles wieder ein. Wir verstehen die Welt nicht mehr. Warum dieser ganze Aufwand? Etwa um ein paar blaue Flyer zu verteilen? Warum wurde das Kind nicht mitgenommen? Unser Direktor klärt uns auf. Es war nie Ziel, das Kind mitzunehmen. Es sollte lediglich Druck auf die Familie ausgeübt werden, dass sie ihr Kind zur Schule schicken anstatt es arbeiten zu lassen. Das Problem ist, dass die staatlichen Kinderheime überfüllt sind. Es müssten deutlich mehr Plätze geschaffen werden, um alle dringenden Fälle aufnehmen zu können. Wieder einmal wird klar, dass wir uns zu schnell eine Meinung gebildet haben. Nur durch Nachfragen ist man in der Lage urteilen zu können. Dennoch wird an dieser Stelle ein anderes Problem deutlich. Die Childline ist ein gut durchdachtes System, um Kinder zu schützen und ein stärkeres Bewusstsein für ihre Rechte zu schaffen. Allerdings mangelt es an entscheidenden Stellen. Die beste Notrufhotline ist nutzlos, wenn die weitere Betreuung nicht gegeben ist.
Auf der Fahrt in Richtung Mädchenheim fragen wir uns, woran man das Wohl des Kindes messen kann. Ist es gerechtfertigt ein Kind von seiner Familie wegzunehmen und in ein Kinderheim zu stecken für die Chance auf Bildung? Macht es das Kind glücklicher regelmäßig zur Schule gehen zu können? Oder ist ein vertrautes Umfeld wichtiger, auch wenn es dort arbeitet, bettelt oder Müll sammelt? Kann ein Kinderheim die familiäre Geborgenheit ersetzen?
Wir fahren auf den Hof des staatlichen Mädchenheims. Zwei freundliche Lehrerinnen empfangen uns. Ein kleines Mädchen nimmt Shruti* an die Hand und führt sie durch ihr Zuhause. Zumindest dieses Kinderheim scheint den Mädchen Geborgenheit und eine gute Chance für die Zukunft zu bieten.
 

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