| Der Childline Jeep steht bereit! |
Im Allgemeinen sind wir als Ausländer bei einem Childline
Einsatz nicht gerne gesehen. Unser Direktor erklärte uns, dass die Bevölkerung
misstrauisch gegenüber Ausländern im Bezug auf Kinder ist. Trotzdem geraten wir
in einen solchen Einsatz, da wir mit dem Jeep unterwegs sind, als ein Anruf
kommt.
Wir fahren mit dem Jeep raus aufs Land. An einer
Bushaltestelle erkundigt sich unser Fahrer bei einem ärmlich gekleideten,
mutmaßlichen Tagelöhner nach einem 13-jährigen Mädchen. Wenig später erreichen
wir einen verlassenen Marktplatz. Unter der Marktüberdachung liegen ein paar
Säcke auf einem Haufen, daneben ein Kochtopf und einige Nachtlager können wir
erkennen. Ganz am Ende ist das Lager einer Familie. Unsere Mitarbeiter steigen
aus und gehen in Richtung dieser Familie. Wir verfolgen das Geschehen aus
einiger Distanz im Jeep. Zunächst entbrennt eine gewaltige Diskussion. Einer
unserer Mitarbeiter macht Fotos. Auf einmal hören wir das Heulen eines Kindes.
Sie soll zu uns in den Jeep. Mit einigen tröstenden Worten lässt sie sich
beruhigen und steigt in den Jeep. Als alle wieder im Auto sitzen, erklärt uns
unser Direktor, dass Shruti* aus dem staatlichen Mädchenheim weggelaufen ist
und jetzt auf der Straße lebt.
Wir fahren weiter. Am Straßenrand sehen wir Arbeiter, die die Straße
befestigen. Hundert Meter weiter sitzt ein kleines Kind mit seiner Mutter auf
der Baustelle. Wir halten an. Unsere Mitarbeiter steigen aus und beginnen auf
die Mutter einzureden. Plötzlich beginnt die Mutter zu schreien, nimmt ihr Kind
an die Hand und läuft weg. Alles springt in den Jeep und fährt hinterher. Beim
zweiten Aussteigen stolpern Mutter und Kind, können aber schnell wieder
aufspringen und laufen erneut weg. Schließlich erreichen die Zwei die
vermeintliche Rettung: die anderen Arbeiter im Straßengraben. Es wird lautstark
diskutiert. Jedes Mal wenn unsere Mitarbeiter versuchen das Kind aus dem
Straßengraben in Richtung Jeep zu ziehen, wehren sich Mutter und Kind
verzweifelt.
Während draußen
Mitarbeiter und Arbeiter eine erbitterte Diskussion führen, sitzen wir mit
Shruti* alleine im Jeep. Wir sind überfordert. Können wir mit ihr reden? Hat
sie Angst vor uns? Beunruhigt sie das vielleicht noch mehr? Sie nimmt uns die
Entscheidung aus der Hand, indem sie uns auf Kannada anspricht. Mit unseren
paar Brocken Kannada können wir immerhin ihren Namen und ihr Alter
herausfinden. Wir sind über dieses Selbstbewusstsein erstaunt. Wir hatten ein
verängstigtes, verzweifeltes und daher ein zurückhaltendes Kind erwartet. Aber
sie spricht mit uns mit fester Stimme, einzig unser Kannada limitiert das
Gespräch.
Draußen wird erneut versucht das Kind aus dem Straßengraben
zu ziehen. Dann verteilt man blaue Childline Flyer. Mit drohenden Worten von
unserem Direktor steigt alles wieder ein. Wir verstehen die Welt nicht mehr.
Warum dieser ganze Aufwand? Etwa um ein paar blaue Flyer zu verteilen? Warum
wurde das Kind nicht mitgenommen? Unser Direktor klärt uns auf. Es war nie
Ziel, das Kind mitzunehmen. Es sollte lediglich Druck auf die Familie ausgeübt
werden, dass sie ihr Kind zur Schule schicken anstatt es arbeiten zu lassen.
Das Problem ist, dass die staatlichen Kinderheime überfüllt sind. Es müssten
deutlich mehr Plätze geschaffen werden, um alle dringenden Fälle aufnehmen zu
können. Wieder einmal wird klar, dass wir uns zu schnell eine Meinung gebildet
haben. Nur durch Nachfragen ist man in der Lage urteilen zu können. Dennoch
wird an dieser Stelle ein anderes Problem deutlich. Die Childline ist ein gut
durchdachtes System, um Kinder zu schützen und ein stärkeres Bewusstsein für
ihre Rechte zu schaffen. Allerdings mangelt es an entscheidenden Stellen. Die
beste Notrufhotline ist nutzlos, wenn die weitere Betreuung nicht gegeben ist.
Auf der Fahrt in Richtung Mädchenheim fragen wir uns, woran
man das Wohl des Kindes messen kann. Ist es gerechtfertigt ein Kind von seiner
Familie wegzunehmen und in ein Kinderheim zu stecken für die Chance auf Bildung?
Macht es das Kind glücklicher regelmäßig zur Schule gehen zu können? Oder ist
ein vertrautes Umfeld wichtiger, auch wenn es dort arbeitet, bettelt oder Müll
sammelt? Kann ein Kinderheim die familiäre Geborgenheit ersetzen?
Wir fahren auf den Hof des staatlichen Mädchenheims. Zwei
freundliche Lehrerinnen empfangen uns. Ein kleines Mädchen nimmt Shruti* an die
Hand und führt sie durch ihr Zuhause. Zumindest dieses Kinderheim scheint den
Mädchen Geborgenheit und eine gute Chance für die Zukunft zu bieten.

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