Sonntag, 8. Dezember 2013

Vertraut und trotzdem immer wieder aufs Neue überraschend



Ich stehe an einem Stand auf dem Markt in Hassan. Eine Frau bietet allerlei Krimskrams an. Während meinen vergeblichen Versuchen, den Preis zu vermitteln, stellt sich plötzlich ein fremder Mann zu mir und legt mir seinen Arm auf die Schulter. Er fragt, wo ich herkomme. Als er herausfindet, dass ich ein paar Wörter Kannada spreche, gerät er nahezu in Ekstase. Er schreit über den ganzen Markt auf Kannada: „Hey, er spricht Kannada, er spricht Kannada!“ Nun bekomme ich immer mehr Shoppingbegleitung. Mit Hilfe meiner neuen Berater erfahre ich dann schließlich auch den Preis. Dann werde ich zu einem Obststand gebeten. Man schenkt mir eine Banane. An einem anderen Stand bekomme ich einen Apfel. Ich bedanke mich und verabschiede mich in Richtung Bushaltestelle. Wieder einmal bin ich völlig perplex.

Nach mehr als 3 Monaten in Indien ist Vieles Alltag geworden. Das morgendliche Fußballspielen mit indischen Jugendlichen, die Kirche am Sonntag mit unserem Direktor und unser täglicher Papaya- und Kekskauf. Zu den Mahlzeiten kommen wir wie selbstverständlich mit unseren Blechtellern in die Dininghall, lassen uns Reis geben und setzen uns zu den Kindern auf den Boden. Das Herumalbern mit Madhou und den Kindern, der abendliche Unterricht, alles ist mir vertraut. Und immer dann, wenn ich mich dabei ertappe zu denken, ich habe das Leben in Indien, in Hassan oder zumindest in unserer näheren Umgebung verstanden, dann passieren solche Situationen wie auf dem Markt. Mir wird klar, dass ich niemals auch nur ansatzweise alles verstehen werde. Dieses Land, ja alleine schon Hassan bietet immer wieder so viele Überraschungen und Besonderheiten. Fast jeden Tag lerne ich irgendetwas Neues. Sei es die Vergangenheit eines unserer Kinder, die mir vor Augen führt, wie nichtig meine Kindheitssorgen doch im Vergleich zu ihren scheinen. Dann bin ich immer wieder aufs Neue beeindruckt wie unbeschwert sie spielen und lernen. Oder, dass die Christen hier 40 Tage lang nach dem Tod eines Verwandten kein Fleisch essen und am 40.Tag dann ein großes Fest feiern. Doch ich lerne nicht nur, ich bekomme auch immer wieder meine Vorurteile, die trotz Ablehnung im Unterbewusstsein blieben, eindrucksvoll wiederlegt. Beispielsweise habe ich meine Kamera in einem kleinen Chailaden liegen lassen. Anstatt sie einzustecken und mit dem Verkauf sein kleines Gehalt etwas aufzubessern, trug der Besitzer mir sie auf die Straße hinterher.
Vieles ist alltäglich und vertraut geworden, aber vieles bleibt auch neu. Diese vielen kleinen Momente ermahnen mich immer wieder, nicht alles als selbstverständlich hinzunehmen. Und trotz oder gerade wegen dieser vielen Überraschungen und Besonderheiten, denke ich, als wir vom Zwischenseminar zurückkommen und die Straße zum Kinderheim hinuntergehen: „Du bist zurück zu Hause.“ 

Robin

Sonntag, 1. Dezember 2013

Advent, Advent ein Lichtlein brennt



... ein kleines Licht ...
27 Grad, Sonnenschein, keine Weihnachtsdekoration, keine Weihnachtsmärkte und auch kein Kakao mit Honigkuchen zum Frühstück. Weihnachtsstimmung will nicht so richtig aufkommen. Also holen wir den Advent nach Prachodana!

Montag, 25. November 2013

Großprojekt: Laternen



Am 11. November feiert man in Deutschland St. Martin. Wir sind aber in Indien, dennoch möchten wir das Fest gerne feiern. Wir stellen uns also der Herausforderung mit 35 Kindern Laternen zu basteln.

 Seit dem 25. Oktober kleistern wir Laternen.
Ballons haben wir aus Deutschland mitgebracht, Transparentpapier gilt es zu finden. Der Shop unseres Vertrauens erweist sich als verlässlich. Einziges Problem, das Papier ist hauchdünn und würde keine Kerze halten. Wir steigen auf Zeitungspapier um.
Wir öffnen unseren Kleister, er ist feucht geworden.
Robin: „Hält das?“
Nico: „Es muss!!!“
Da wir nach 2 Monaten Kinderheim bereits Erfahrung mit Großgruppen haben, fangen wir erstmal klein an. Wir suchen uns 8 Grundschüler heraus.
Das Ergebnis ist ausbaufähig: Zwei Stunden kleistern, 2 Laternen kaputt und 100 000 Schnipsel auf dem Boden. Wir hängen die verbleibenden Laternen, in ein Zimmer und ziehen uns erschlagen zurück. Am nächsten Tag fehlt eine weitere Laterne.
Wir denken um: Die nächsten Gruppen werden kleiner, die Laternen hängen wir gut sichtbar nach draußen zum Trocknen.

Samstag, 9. November 2013

Auf dem Sofa mit viel Publikum

Wir erzählen von einer etwas anderen Erfahrung:

 
Eines von vielen Häuser...
Nach dem Mittagessen machen wir uns auf den Weg um unsere tägliche Ration Vitamine, Kekse und indische Heißgetränke zu kaufen. Unser Ziel heißt Taniruhalla, eine Kreuzung mit vielen Geschäften. Zunächst spazieren wir in Richtung Grundschule. Es ist derselbe Weg, den wir morgens mit unseren Kindern laufen. Am Straßenrand steht eine Frau, sie grüßt uns, es ist eine der Grundschullehrerinnen. Wir haben sie einige Tage zuvor bei einer Function zum Nationalfeiertag Karnatakas in der Grundschule kennengelernt.
Sie winkt uns freundlich zu sich ins Haus. In einem kleinen Zimmer sitzen ihr Sohn und ihre Tochter, sowie eine ältere Frau auf einem Bett, das als Couch dient. Der Fernseher läuft bis der Strom ausfällt. Wir werden neben der älteren Frau aufs Sofa gesetzt und man guckt uns an.
Wir fragen uns: „Was passiert jetzt?“

Mittwoch, 6. November 2013

Erzähl mir von Indien...





Wir kommen die Treppe runter, ein „Good morning, Sir. How are you?“ schallt uns entgegen. Auf unserem Weg bis zur Küchentür beantworten wir diese Frage gefühlt im Sekundentakt.
Nun raspeln wir, mehr oder weniger geschickt, einige Kokosnüsse. Im Topf kocht schon der obligatorische Reis, der aus dem Essensplan nicht wegzudenken ist.
Zurück auf der Bank in der Eingangshalle bekommen wir einen Chai oder heiße Milch serviert.

Wir bringen die Kinder zur High School, in der Tasche 2€. Der „social Teacher“ möchte deutsches Geld tauschen. Auf einmal biegen wir ab und finden uns vor einer Haustür wieder. Wollten wir nicht zur Schule?
Doch Surratsch* überzeugt uns mit einem „Sir, comming!“, dass wir hier richtig sind.
Die Kinder vorweg, wir hinterher geht es ins Haus. Man bietet uns Frühstück an. Wir lehnen ab, aber Chai und Kekse sind unabdingbar für die indische Gastfreundlichkeit.
Wir verlassen das Haus wieder, mit 160 Rupies mehr, einem Lehrer, der sich über unseren Glückscent gefreut hat und einer Einladung zum Abendessen.

Wir sitzen in unserem Zimmer und planen unseren Unterricht. Zumindest versuchen wir das.
Es macht „BUMM!“, es macht „POCK!“, es macht „BAMM!“, wir werden weichgeklopft.
Neben uns entsteht ein zweiter Stock, das Brückenschulgebäude wird erweitert.
An Arbeit ist nicht zu denken.