Mittwoch, 6. November 2013

Erzähl mir von Indien...





Wir kommen die Treppe runter, ein „Good morning, Sir. How are you?“ schallt uns entgegen. Auf unserem Weg bis zur Küchentür beantworten wir diese Frage gefühlt im Sekundentakt.
Nun raspeln wir, mehr oder weniger geschickt, einige Kokosnüsse. Im Topf kocht schon der obligatorische Reis, der aus dem Essensplan nicht wegzudenken ist.
Zurück auf der Bank in der Eingangshalle bekommen wir einen Chai oder heiße Milch serviert.

Wir bringen die Kinder zur High School, in der Tasche 2€. Der „social Teacher“ möchte deutsches Geld tauschen. Auf einmal biegen wir ab und finden uns vor einer Haustür wieder. Wollten wir nicht zur Schule?
Doch Surratsch* überzeugt uns mit einem „Sir, comming!“, dass wir hier richtig sind.
Die Kinder vorweg, wir hinterher geht es ins Haus. Man bietet uns Frühstück an. Wir lehnen ab, aber Chai und Kekse sind unabdingbar für die indische Gastfreundlichkeit.
Wir verlassen das Haus wieder, mit 160 Rupies mehr, einem Lehrer, der sich über unseren Glückscent gefreut hat und einer Einladung zum Abendessen.

Wir sitzen in unserem Zimmer und planen unseren Unterricht. Zumindest versuchen wir das.
Es macht „BUMM!“, es macht „POCK!“, es macht „BAMM!“, wir werden weichgeklopft.
Neben uns entsteht ein zweiter Stock, das Brückenschulgebäude wird erweitert.
An Arbeit ist nicht zu denken.

Das Dach wird betoniert.


Wir liegen erschlagen auf dem Bett. Langsam, aber sicher kommt uns die Erkenntnis: „Es ist wieder soweit!“ Wir müssen waschen, wie jeden Tag.
Einer erbarmt sich, schleppt sich ins Bad, wir haben kein Wasser. Der Klassiker!
Also heißt es runtergehen. Asha, die Brückenschullehrerin, guckt uns an: „KEY?“, man weiß schon Bescheid. Wir drehen den Wassertank auf und zwingen uns ins Bad. Die Ausrede ist weg.

Wir stehen am Busstand, wir warten. 30 Minuten später, das gleiche Bild. Endlich naht ein Bus. Der Fahrer grüßt uns, man kennt sich. Der Grund unseres Ausflugs: wir brauchen Papierbögen. Die letzten vier Unterrichtspläne sind überholt, ein Neuer muss her!
Der Old Busstand in Hassan.


Wir stehen bei Shanti Stores. Dieser kleine, unscheinbare Shop hat einfach alles (Volleybälle, Trommeln, Pokale, Papier, USB-Sticks, Batterien, Fahnen, Landkarten, Bücher, Spiele, Kricketschläger, Radios, Hütchen, uvm. ).
Der Verkäufer guckt uns an, wir geben uns alle Mühe Transparentpapier zu beschreiben. „Paper, a bit thinn. You can look through. Colourfull. “
Er guckt uns an und sagt das Zauberwort: “Transparent Paper?”.
Darauf hätte man auch selber kommen können.

Wir möchten zahlen. Der Kassierer öffnet die Kasse. Er sucht nach Geld. Doch statt Münzen, ist die Kasse voll mit Bonbons und Schokolade. Wir bekommen süßes Wechselgeld.
Die indische Form von Wechselgeld...


Wir stehen beim Bäcker, es ist Zeit für die tägliche Ration Kekse.
Die Bestellung muss warten. Erstmal werden wir gefragt: „Wie schreibt man Kartik?“
Wir gucken uns an, ja wie schreibt man denn Kartik?
Nachdem wir auch bei der Geburtstagstorte für Chennad assistiert haben, dürfen wir bestellen.

Wir wenden uns zum Gehen. Vor uns steht ein indischer Student. Er fragt wo wir herkommen. Schließlich bittet er uns in sein Schulheft zu unterschreiben. Unser erstes Autogramm, aber unsere Handynummern bekommt er trotzdem nicht.

Wir gehen die Straße hinunter. Kurz vor unserer NGO, kommt uns eine junge Frau entgegen. Dürfen wir sie grüßen? Unsere KKS Mappe sagt: „Frauen sprechen keine Männer auf der Straße an und umgekehrt.“ Unser Gefühl fragt: „Ist das nicht unhöflich?“
Die Entscheidung wird uns abgenommen. Sie lächelt uns an, fragt wo wir herkommen und bietet uns schließlich ein Gebäckstück an.
Völlig überrascht setzen wir unseren Weg fort.

Wir stehen in der Traininghall, vor uns sitzen 21 Kinder. Das sind 100% mehr als wir wollten und andere Kinder. Folgendes ist passiert: Unser Plan sah eine Englischstunde für die zehnte Klasse vor. Asha gab uns daraufhin die neunte Klasse für eine Mathe Stunde. Schließlich entschied Madhou, der andere Brückenschullehrer: „You take all younger children class!“.
Das Zauberwort heißt: „Improvisieren!“. Der Klassiker!

Wir geben Computerunterricht, Englisch und Mathe sind morgen dran. Akshat* guckt den Computer an, drückt eine Taste. Die Tabelle ist weg! Die Fassungslosigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben. Nach kurzer Denkpause, hören wir ein „Computer cheating!“ Das Wort „cheating“ ist universell und als Politiker kann man dafür sogar ins Gefängnis kommen. Der Computer hat also gerade ein schweres Verbrechen begangen.
Computerclass in Prachodana


Wir stehen wieder in der Küche, es gibt Anna Samba: Reis mit Gemüsesoße.
Kotresh* kommt herein. In den Fingern hat er jemand mitgebracht. Freudestrahlend hält er uns eine kleine, rote Küchenschabe unter die Nase. Wir können seine Sympathie für das Tier nicht so ganz teilen, müssen aber trotzdem lachen.

Wir befinden uns im Kuhstall. Die Kuh wird gemolken. Aus ihrem Stall kommt eine unglaubliche Rauchwolke. Es brennt. Auf unsere fragenden Blicke hin bekommen wir „moscitos“ an den Kopf geworfen. Wir erschließen uns, dass es im Interesse von Gauri (unserer Kuh) ist, ausgeräuchert zu werden.
Prachodana Cow: Gauri.


Wir liegen im Bett. Zwei Monate sind vergangen. Es ist dunkel draußen. Die Bauarbeiten ruhen. Da zerreist eine Flex die Stille. Unser Licht flackert. Wir entschließen uns das Licht zu löschen. In den letzen Wochen haben wir viel Spannendes erlebt. Wir haben viel gelacht, uns häufig gefragt: „Warum?“. Und wir wurden oft positiv überrascht. Während wir auf die Nachtruhe warten, fallen uns noch viele weitere Situationen ein.
Etwa 2 Stunden später dürfen wir dann endlich schlafen!



P.S. Weitere Bilder gibt es in unsere Bildergalerie! ;)



*Name geändert

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